// your argument is invalid

Der iX-Redakteur Moritz Förster behauptet in seinem Kommentar auf heise online, dass eine gesetzlich festgeschriebene Netzneutralität nicht nur dem Markt sondern langfristig auch deiner Mutter schadet. Seine These untermauert er mit den Worten:

Leiste ich mir den Express bei der Post, ist er schneller da. […] Will ich eben weniger ausgeben, muss ich länger warten, bis die Post ankommt […]

Er verkennt da IMHO die Lage. Nehmen wir an seine Behauptung (ein DSL-Anschluss sei tatsächlich eine Straße) träfe zu, sagen wir mal 50 MBit/s ist besonders breit, also eine dreispurige (Daten-)Autobahn: in unserer Gesellschaft ist es üblich, dass sowohl Bürger als auch Unternehmen Maut und/oder Steuern bezahlen und damit die Nutzung dieser 3 Spuren (unter Berücksichtigung der StVO) nach jeweiligem Gutdünken gestalten können. Würde diese Spurneutralität aufgehoben hieße das, dass für die Überholmöglichkeiten, welche durch mittlere und linke Spur angeboten werden, selbstverständlich höhere Abgaben zu entrichten wären: Wer mehr bezahlt dürfte mehr Spuren nutzen und u.U. auch schneller fahren.
Bei Netzneutralität geht es nicht darum ob ich mit 2 MBit/s (schmale Straße) oder 50 MBit/s (breite Straße) angebunden werde. Es geht darum ob der Datenstrom durch die von mir gebuchte Leitung gleich behandelt wird oder nicht. Darf der Traffic eines kostenfreien Vimeo genauso schnell sein wie der eines kostenpflichtigen Maxdome? Kann sich ein „neues Vimeo“ ohne Kapital überhaupt ruckelfrei am Markt etablieren, wenn der finanzkräftige Platzhirsch bereits alle Backbones im Web quasi exklusiv mit Traffic blockiert? Sind dessen Datenpakete „wichtiger“ als eMails und welche eMail ist eigentlich die wichtigste aller eMails? Sind die Suchergebnisse von Google, DuckDuckGo und Yandex gleichschnell auszuliefern oder können sich Monopolisten gegenüber Zwergen entscheidende Marktvorteile erkaufen? Ein schier unüberblickbare Komplexität entstünde bei tausenden unterschiedlicher Anbieter, Vertragspartner, Dienste, Protokolle und deren 1:n-Kundenbeziehungen. Bislang ist die gelebte technologische Praxis im Web „first come, first serve“: die Pakete die zuerst angefragt wurden werden in aller Regel auch zuerst ausgeliefert. Also teilen sich alle Beteiligten die verfügbaren Straßen gleichermaßen, blaue Auto's dürfen genauso schnell fahren wie rote und falls ein LKW einen klapprigen Bulli überholen möchte, dann tut er das ohne extra dafür bezahlen zu müssen, auch wenn er damit ggf zeitweise einen PKW ausbremst. Der angesprochene Express-Bote liefert meine Sendung nicht schneller weil er Privilegien bei der Straßennutzung hat, sondern weil er sich auf einen reduzierten Kundenkreis konzentriert und seine Logistik gezielt ausrichtet. Försters Gleichnis trifft hier also nicht ansatzweise zu.

Im Übrigen lösen Premium-Dienste auch nicht das Problem grundsätzlich unterdimensionierter Infrastruktur. Wenn alle Verkehrsteilnehmer das Gold-Paket erwerben um alle drei Spuren nutzen zu dürfen, stehen sie trotzdem im Stau wenn soviele Teilnehmer unterwegs sind, dass selbst vier Spuren nicht reichen. Was Förster hier fordert ist also nicht weniger als eine Kommerzialisierung des Blaulichts und jeder der sichs leisten kann, darf eins haben. Was für ein Chaos das auf unseren Straßen bewirken würde kann sich wohl jeder vorstellen.

Dass sich bislang der Verzicht auf eine festgelegte Netzneutralität nicht negativ auswirkte ist nicht, wie er behauptet, „merkwürdig“, sondern schlicht dem Umstand geschuldet, dass sich „Premium-Dienste“ einzelner Services glücklicherweise noch(!) nicht flächendeckend durchgesetzt haben.

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